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Ein Tag, der alles verändert

Im Journal der Grafschafter Nachrichten wurde über eine junge Frau geschrieben, für die sich an einem Tag Ihr ganzes Leben änderte. Sie hatte einen schweren Verkehrsunfall, zudem seinerzeit auch die OF Wietmarschen alamiert wurde. 2,5 Jahre später schilderte Frau Petereit nun Ihren Werdegang. Wir möchten an dieser Stelle weiterhin eine gute Besserung wünschen und viel Kraft.

 

Aus den Grafschafter Nachrichten:

Nach einem schweren Autounfall musste Linda Petereit aus Nordhorn wieder laufen und sprechen lernen

Von Veronika Thomas ( Grafschafter Nachrichten)

Ihre Initialen und das Datum des Tages, der ihrem Leben eine so dramatische Wendung gab, hat sich Linda Petereit auf die Innenseite ihres linken Handgelenks tätowieren lassen. „Weil ich das überlebt habe“, sagt die 24-Jährige mit leiser, verwaschener Stimme. „Das“ war der 27. Juli 2008. Die damals 21-Jährige fuhr an diesem Sonntagabend gegen 20.30 Uhr mit ihrem Auto von Wietmarschen Richtung Nordhorn, als sie in einer lang gestreckten Linkskurve die Kontrolle über den Wagen verlor und gegen einen Baum prallte. Wie das passieren konnte, daran hat die Reiseverkehrskauffrau keine Erinnerung mehr.

Seit fünf Wochen lebt Linda Petereit nun in einer im August 2010 neu eröffneten Wohngruppe des Annastifts mit Namen „Kompass“. Sie soll ihrem Leben eine neue Richtung geben. 13 Menschen zwischen 24 und 46 Jahren mit so genannten erworbenen Hirnschäden sollen hier sozial und beruflich wieder eingegliedert werden – soweit das möglich ist. Hinter dem Wortungetüm „erworbene Hirnschäden“ stehen Folgeerkrankungen, die unter anderem durch Schlaganfälle, Hirnblutungen oder Schädel-Hirn-Traumata verursacht wurden. Als Linda Petereit mit ihrem Auto gegen den Baum prallte, war ein Halswirbel gebrochen, und es hatte eine Hirnblutung gegeben. Ihr gebrochenes Schlüsselbein war da fast schon nebensächlich.

Zehn Wochen lag sie im Koma, und als sie daraus erwachte, war nichts mehr wie vorher. Sie konnte weder sprechen noch laufen, nicht einmal mehr aufstehen. Anfangs gab es noch Lähmungserscheinungen in der rechten Körperhälfte. „Aber ich lebe“, sagt sie so bestimmt, wie es ihre schwache Stimme hergibt. So, wie sie das sagt, erinnert es ein bisschen an Monica Lierhaus’ bewegenden Auftritt bei der TV-Gala zur Verleihung der „Goldenen Kamera“ Anfang Februar, als sie mit ihrem „Da bin ich“ ein Millionenpublikum zu Tränen rührte. Die langjährige „Sportschau“-Moderatorin Lierhaus hatte nach Komplikationen bei einer Gehirnoperation eine Hirnblutung erlitten und lag danach vier Monate im Koma. Auch sie musste mühsam wieder das Laufen und Sprechen erlernen – wie jedes Jahr Tausende Betroffene in Deutschland.

An die schwierige Anfangszeit, als sie aus dem Koma erwachte, kann sich Linda Petereit auch nicht mehr erinnern. Damit sie weiß, was damals geschah, haben ihre Eltern und ihre Schwester „Lindas Album“ angelegt. Ein paar Fotos zeigen die lebenslustige junge Frau kurz vor dem tragischen Unfall. Die folgenden Bilder dokumentieren die Zeit im Krankenhaus und ihre ersten mühsamen Schritte, die nur mithilfe eines Gestells, Haltegurten und zwei Pflegern möglich waren. Auch der GN-Artikel , in dem über ihren folgenschweren Unfall mit dem Titel „Autofahrerin lebensgefährlich verletzt“ berichtet wurde, ist darin abgeheftet. „Dass ich mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen wurde, weiß ich auch nicht mehr“, sagt die 24-Jährige. Sie hat ihren Kampfgeist behalten. „Ich bin froh, dass ich das Album habe. Ich blättere oft darin, damit ich weiß, was passiert ist.“

Monatelang saß sie im Rollstuhl, konnte sich anfangs nur durch Händedruck oder Nicken mit dem Pflegepersonal und ihrer Familie verständigen. Später stellte sie fest, dass sie noch schreiben kann. In einer ganz anderen Schrift als vor dem Unfall. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie schon fast alle ihrer vermeintlich besten Freunde aufgegeben. „Mich hat keiner mehr besucht“, erzählt Linda enttäuscht. Bis Januar 2009 blieb sie im Meppener Krankenhaus, danach folgte eine Reha bei Bremen, ehe ihre Eltern sie im Juli 2009 zu sich nach Nordhorn holten. Mehr als zwei Jahre lang bestand ihr Leben aus Therapien – Bewegungstherapie, Musiktherapie, Ergotherapie, Logopädie. Ihre Eltern ließen nichts unversucht, ihre Tochter zurück ins Leben zu holen. Inzwischen kann sie recht gut gehen, aber das Sprechen fällt ihr schwer.

„Nach der Phase der so genannten Akut-Reha folgt jetzt die Langzeit-Reha“, sagt Peter Franzen, Leiter der Gruppe „Kompass“. Der langjährige Heilerziehungspfleger hat schon viele Betroffene wie Linda Petereit erlebt, und er weiß auch, dass es normal ist, wenn sich langjährige Freunde abwenden: „Unter solch einem Schicksal zerbrechen auch viele Partnerschaften.“ Es sei vielmehr die Ausnahme, dass ein Partner wie der Lebensgefährte von Monica Lierhaus an ihrer Seite geblieben sei.

Im Annastift beginnt nun auch die schwierige Phase des Identitätsaufbaus. Darunter verstehen Fachleute wie Franzen eine Neubestimmung des Lebens der Betroffenen, weil vieles, was vorher in ihrem Leben eine Rolle gespielt hat, nicht mehr existiert. „Das heißt auch, erkennen zu müssen, was nicht mehr geht, obwohl sich vieles wieder erlernen lässt“, sagt Franzen. Ziel sei es, so viel Normalität wie möglich in den Alltag zurückzuholen: Einkaufen, Essen zubereiten, mit Bus und Bahn fahren. Durch Praktika in Behindertenwerkstätten können die „Kompass“-Bewohner verschiedene Jobs ausprobieren. Im Berufsbildungswerk hätte Linda Petereit die Möglichkeit, sogar einen ganz neuen Beruf zu erlernen.

Die 24-Jährige weiß schon jetzt, dass sie in ihrem erlernten Beruf als Reiseverkehrskauffrau nicht mehr arbeiten kann. „Ich glaube, mit dem Computer, das wird nichts mehr“, meint sie. Ihr Ziel aber hat sie klar vor Augen. Sie möchte wieder eine eigene Wohnung haben und eine Arbeitsstelle. „Und das Datum meines ersten Arbeitstages lasse ich mir auf mein rechtes Handgelenk tätowieren“, sagt Linda Petereit und lächelt so siegesgewiss, als bestünde daran überhaupt kein Zweifel.

Quelle: 

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